HPS Ausbildung 2019-2020 CHILI

Eva, warum ist Schulmedizin für NaturheilpraktikerInnen, Komplemen- tärtherapeutInnen und Med. Masseur­ Innen überhaupt wichtig? Du musst medizinisch gefährliche Situationen erkennen. Dazu musst du verstehen, wie der Mensch funktioniert, und die Schulmedizin ist die Grundlage. Wie für ein Haus, da brauchst du auch ein gutes Fundament. Wie beurteilst du als Medizinerin die Schulmedizin-Anforderungen für Alter- nativmedizin AM bzw. Naturheilkunde wie zum Beispiel für Ayurveda-Medizin, Akupunktur TCM, Naturheilkunde TEN, also die 700 Stunden? Auch Medizini- sche Massage ist in diesem Rahmen. Pipifax? Pipifax nicht. Ganz und gar nicht. Trotzdem sind die 700 Stunden aus meiner Sicht natür- lich viel zu wenig. Der menschliche Körper bietet unglaublich viele Themen, nicht um- sonst gibt es in der Schulmedizin ja so viele Spezialisierungen. Medizin kannst du wie eine Sprache sehen, je besser du sie kennst, desto besser kannst du mit ihr umgehen. Nicht nur lesen, sondern auch schreiben und sprechen. Aber ich will ja die Sprache des Ayur­ veda, der Naturheilkunde oder der TCM erlernen. Wozu noch die Sprache der westlichen Medizin? Es braucht eben nicht nur die Sprache der Naturheilkunde, es braucht beide, auch die der Schulmedizin. Sie ist die Schnittstelle zur Sprache der PatientInnen bzw. KlientInnen und zu anderen ÄrztInnen. Und du musst kritische Symptome rechtzeitig erkennen, zum Beispiel Hinweise, die einen Herzinfarkt an- kündigen. Und wenn während des Heilungs- verlaufes gewisse Symptome auftreten, musst du erkennen, ob das Komplikationen sind oder relativ harmlose Erscheinungen. Hast du ein Beispiel? Angenommen, es gibt Schmerzen im Knie- gelenk, es ist gerötet, überwärmt und ge- schwollen. Dann ist es ein Unterschied, ob es sich um einen Gichtanfall handelt oder um eine bakterielle Infektion mit Eiter im Ge- lenk, die potentiell lebensgefährlich ist. Da zählt jede Minute, wenn es in Richtung Sepsis geht. Oder eine PatientIn hat zunehmende Kopfschmerzen, seit sie sich vor zwei Tagen den Kopf an einer Schranktür gestossen hat: Könnte das eine Hirnblutung sein? Sollte die PatientIn nicht sofort via CT abgeklärt wer- den? Die Frage ist: Wann wird es gefährlich? Wo gibt es einen irreparablen Schaden? Das ist die Verantwortung der TherapeutInnen, dass sie wissen und auch erkennen, wo ihre Grenzen sind. Das gilt im Übrigen auch für uns ÄrztInnen, wir müssen auch die Grenzen unserer Fachgebiete kennen. Schulmedizinisches Wissen ist in der therapeutischen Praxis unverzichtbar. Zum Beispiel: Wann sind Kopf- schmerzen ein Zeichen einer Hirnblutung? 19

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